DIE WIRTSCHAFT BULGARIENS AN DER SCHWELLE DER EU-MITGLIEDSCHAFT Печат
Автор доц. д-р Чавдар Николов   
Неделя, 01 Октомври 2006 03:02
Assoc. Prof. Ph. Dr. Tschavdar Nikolov
(Dekan der Wirtschaftsfakultaet an der Suedwest Universitaet “Neofit Rilski” in Blagoevgrad, Bulgarien, Mitglied der Bulgarischen diplomatischen Gesellschaft und der Nationalen Assoziation fuer internationale Beziehungen)

Seit der Jahrhundertwende, nachdem Bulgarien fast 40% seines Bruttoinlandsproduktes in der Transitionskrise verloren hat, begann seine Wirtschaft beschleunigend zu wachsen. In den letzten Jahren betraegt das Wachstum sogar zwischen 4 und fast 6%. Die wichtigsten dafuer verantwortlichen Faktoren sind meines Erachtens folgende.
Zuerst ist natuerlch das leider niedriege Startniveau, was fast jede absolute Zahl als relativ gross ausgibt. Zweitens, das ist die lang erwartete “Entfesselung” der Bankkreditierung, die direkt nach der Hyperinfaltionskrise von 1997 stark beschraenkt wurde. Drittens, die immer klarer werdenden Aussichten fuer NATO und EU – Mitgliedschaft Bulgariens, (der Eintritt in den Nordatlantischen Pakt geschah bereits 2004), haben eindeutig den auslaendischen Investitionen gutgetan, man kann von einer Verdoppelung seines Jahresvolumens ,von cirka 1 Mrd auf 2 Mrd Euro, ausgehen. Und viertens, was fuer mich persoenlich als sehr wichtig erscheint, ist die Tatsache, dass nach einem Jahrzehnt die Bulgarer in ihrer Mehrzahl es geschafft haben sich in die fuer sie neuen Rahmenbedingungen der Marktwirtschaft einzugliedern, sich an die oekonomische Neuordnung anzupassen, sich in die sich immer noch formierenden Gesellschaftsstrukturen zu integrieren. Im Kontext muss man darauf hinweisen, dass die Arbeitslosenquote im Land von 16%-18% vor fuenf Jahren auf 10% gegenwaertig gesunken ist.
Die soziale Entwicklung in Bulgarien laesst aus europaeischer Sicht im Wohlstandsaspekt selbstverstaendlich viele Wuensche uebrig. Trotzdem darf man aber die Augen vor der positiven Tendenz der letzten Jahren nicht schliessen. Nominal sind die Loehne hoeher als die Inflation gestiegen. Der Durchschnittslohn von 180 Euro scheint auf den ersten Blick sehr bescheiden. Aber hier muesste man unbedingt noch zwei Sachverhalte beruecksichtigen. An erster Stelle das waere das sogenannte comparative Preisniveau, was bei uns in Bulgarien etwa 2,5 mal niedrieger als dasselbe in Deutschland heutzutage liegt. An zweiter Stelle kommt die Tatsache, dass in der Regel die Bulgarer nicht unter Miete wohnen, sondern es vorziehen im eigenen Heim zu wohnen. So koennte man, wenn man Vergleiche zu den deutschen Verhaeltnissen ziehen will, ungefaehr schaetzen, dass die durchnittlichen Loehne in Bulgarien etwa 600 Euro betragen.
Entscheidend fuer die Entwicklung des Wohlstandes im Lande ist in den letzten Jahren die wachsende Praesenz von intenationalen Super- und Hypermarktketten. Schon um 40% der Einheimischen machen ihre Einkaeufe zu bedeutend guenstigeren Preisbedingungen dort. 25% der Bulgarer benutzen ihr Auto fuer die Einkaeufe. Die Zahl der Autos im Lande ist rasch gewachsen und naehert sich der 4 Mio Grenze, was dem pro Kopf Kennziffer eines entwickelten Westlandes entspricht.
Der Objektivitaet der Ausfuehrung wegen, muesste man nicht die neulich entstandenen makrooekonomischen Probleme des Landes ausser Acht lassen. Das wichtigste von ihnen ist der negative Saldo in der Lestungsbilanz was um die 12% des Bruttoinlandsprodukts erreicht hat. Grund dafuer ist die sich seit dem Jahr 1998 staendig oeffnende Schaere des Aussenhandelsdefizits, welches im 2005 ganze 4 Mrd Euro ueberstiegen hat. Weil Bulgarien sich im Regime einer Waehrungkomitaees befindet (was im grossen und ganzen heisst, dass der Waherungskurs fixiert und die Geldmenge von den Gold- und Waehrungsreserven der Zentralbank garantiert sein soll), sieht man das einzige Gegenmittel gegen das klaffende Aussenhandels- und Leistungsbilanzdefizit in den Haushaltueberschuss, was gegenwaertig 3,1% des Bruttoinlandsproduktes betraegt. Man kann sich einigermassen vorstellen, was solche ernsthafte finanzielle Restriktionen den sozialen Strukturen und der Infrastruktur des Landes kosten. Hier waere auch gut platziert die Bemerkung, dass zur Zeit die Finanzstabilitaet des Landes ganz “luxurioes” garantiert ist – die Reserven der Zentralbank decken etwa 1,2 Mal das Umlaufgeld und die kurzfristigen Depositen in Leva ab. Dazu kommen zusaetzlich die Erwaegungen, die von der Tatsache unbedingt hervorgerufen werden muessten, dass im Jahre 2006 der Export schneller als der Import zu wachen begann.
So sind wir bei der Problematik der Maastrichter Kriterien gelandet, die entscheidend fuer die Einfuehrung des Euro sind. Eigentlich muesste Bulgarien mit der Erfuellung der meisten Kriterien keine besondere Probleme haben – zum Beispiel betraegt die Bruttoverschuldung zur Zeit 27% des Bruttoinlandspoduktes. Was in dem visierten Zusammenhang ernsthaft Sorge macht, ist die Inflation von 6% jaehrlich, die sogar mit den oben erwaehnten 3% Haushaltueberschuessen nicht zu baendigen ist. Um die Inflation, sagen wir, auf “europaeische” 3% zu bringen, waeren viel groessere Haushaltueberschuesse noetig, was andererseits als sozial gar nicht annehmbar erscheint. Die Kreditrestriktionen erweisen sich als wenig wirkungsvoll, weil der internationale Finanzmarkt als unabdingbare Alternativquelle zur Verfuegung steht.
Mann muss hier dick unterstreichen, dass die ganze Inflations- und Maastrichtproblematik in keiner Weise Bulgariens EU-Mitgliedschaft in Frage stellen kann oder muss, sondern nur darauf hindeutet, dass das festgesetzte Ziel den Euro 2009-2010 einzufuehren, als zu verfrueht aus heutiger Sicht aussieht.
Welche scheinen die kuenftigen komparativen Vorteile Bulgariens als EU- Mitglied?
Vom Tourismus wird so viel gesprochen, er wird zurecht bei und als Exportzweig Nr. 1 bezeichnet - voriges Jahr das Inflow von Touristdienstleistungen betrug etwa 1,9 Mrd Euro. Was bevorsteht ist die Verlagerung des Tourismus in Bulgarien von der Schwarzmeerkueste, wo zur Zeit mehr als 2|3 der Touristen weilen, in das Innere des Landes. Die zweite hier wichtige Frage waere die der Zweitwohnung, wo eigentlich eine richtige Invasion von den britischen Inseln in den letzten Jahren und paradox - kein ausgesprochenes Interesse deutscherseits zu betrachten ist.
Zweiter, und fuer mich wichtigster komparativer Vorteil Bulgariens, ist das relative hohe Bildung- und Qualifikationsniveau der Bevoelkerung. Es muss eindeutig klar sein, dass dieses Niveau, verbunden mit modernen westlichen Management und Technologien, in kurzer Zeit richtige oekonomische Wunder vollbringen koennte. Die ersten Ansaetze im Maschinenbau, in der Nahrungsindustrie und im High Tech sind schon da. Aber dasselbe koennte man sich in viel groesserem Umfang und auch in der Leichtindustrie und in der Landwirtschaft vorstellen. Zu wuenschen laesst noch die Einbeziehung bulgarischer Betriebe in die Sublieferantennetze der Transnationals.
Zum Schluss, ein Paar Worte ueber den Ausbau der Infrastruktur in Bulgarien. Man muss wissen, dass sich fuer die Baufirmen hier ein relativ grosser Markt mit Umfang von jaehrlich 700 -900 Mio Euro eroeffnet. Er schliesst hauptsaechlich den Ausbau des Autbahnnetzes ein, was neue etwa 1000 km bedeutet, aber auch - solche Herausforderungen wie der Bau von minimum zwei Tunneln unter dem Balkangebirge und die Konstruktion von minimum einer Bruecke ueber der Donau und das alles noch im kommenden Jahrzehnt. Was die Eisenbahn anbelangt, dort befinden sich die Hochgeschwindigkeitszuege- und Strecken im Projektstadium. Von den beiden grossen Meereshafen wird das eine bald konzessioniert, von diesen an der Donau kommen praktisch alle im Gespraech.
Den kuenftigen auslaendischen Investoren in unserem Land muesste noch eine Information nicht vorenthalten bleiben. Mit der kommenden EU-Mitgliedschaft Bulgariens wurde die Korruption auf allen buerokratischen Ebenen eingeengt. Man kann sogar schon sagen, dass “korrupt sein”, langsam aber relativ sicher beginnt in der Bedeutung mit “gefaehrlich leben” zu gleichen.